Ein Frühlingsfest

Nach der Indien gewidmeten Ausgabe 2020 des Festivals, die wir nur einige Tage nach der Eröffnung aufgrund der Covid-19-Pandemie abbrechen mussten, ist es der Opéra national du Rhin und unseren zahlreichen Partnereinrichtungen eine große Freude, Sie im kommenden Frühjahr zu einem ARSMONDO Festival einzuladen, das den großen kulturellen Reichtum des Libanon feiern wird.

Von einem Subkontinent, einem riesigen Land, begeben wir uns diesmal in einen kleinen Staat, der nicht viel mehr als 6 Millionen Einwohner·innen zählt. Doch wie wir alle wissen, steht die Bedeutung dieser Region der Erde in umgekehrten Verhältnis zu ihrer Gebietsfläche und Einwohnerzahl. Das prekäre politische Gleichgewicht, umso instabiler durch die aktuelle katastrophale ökonomische Lage, und der tragische geopolitische Kontext dieses Gebiets, in dem jahrzehntelang Blut und Tränen flossen, lassen uns dennoch die altüberlieferten Geschichten und die religiöse und kulturelle Vielfalt nicht vergessen, die das Land geprägt haben. Der Libanon übt eine faszinierende Anziehungskraft aus, schon der Name des Landes birgt eine poetische Welt in sich. Vielleicht ist es den milchweißen Flanken des Libanongebirges zuzuschreiben, auf denen – so erzählt es die Legende – der schöne Adonis den Tod fand. Die Gebirgskette ragt bis zu 3000 Höhenmeter über ein Gebiet, das nicht viel größer ist als das französische Departement der Gironde. Maroniten, Melchiten, Antiochenisch-Orthodoxe, Drusen, Palästinenser, Schiiten und Sunniten – die religiösen und kulturellen Gemeinschaften, die dort nebeneinander existieren, machen aus dem Libanon weit mehr als ein arabisches Land. Allen Widerständen zum Trotz besteht diese komplexe Vielfalt im Libanon fort, und das im Nahen Osten, wo immer wieder versucht wird, im Namen eines Nationalgefühls oder einer Religion autoritär eine Einheitlichkeit zu erzwingen. In dieser Hinsicht vereint die Zeder, die so stolz die libanesische Flagge schmückt, die legendenhafte Vergangenheit und die Weltoffenheit dieses einzigartigen Landes. Der Baum findet Erwähnung im sumerischen Gilgamesch-Epos, im Alten Testament steht geschrieben, dass König Salomon sein Holz zum Bau des Tempels in Jerusalem verwendete, und auch in ägyptischen Grabmälern wurden Sarkophage aus Zedernholz gefunden. Die ebenso faszinierenden wie rätselhaften Phönizier erstellten aus diesem unverweslichen Baustoff die Schiffe, dank derer sie schon im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum ersten Seefahrervolk des gesamten Mittelmeerraums werden konnte. Es waren auch diese Schiffe, durch die ihre Sprache sich verbreiten konnte, deren Alphabet sich an der Küste entlang der antiken Hafenstädte Tyros, Byblos und Sidon weiterentwickelte und Archäolog·innen und Historiker·innen bis heute fasziniert. Ovid, ein Zeitgenosse des Baus der gewaltigen Tempelanlagen in der Colonia Heliopolis, deren Überreste in Baalbek zu den schönsten gehören, die die Jahrhunderte uns im östlichen Teil des Römischen Reiches bewahrt haben, verortet eine von Zeus' spektakulären Entführungen auf einem phönizischen Strand. Der römische Dichter erzählt, wie der Gott sich als prachtvoller weißer Stier einer jungen Prinzessin näherte und sie verführte, nachdem sie seine Hörner mit Blumen geschmückt hatte und auf seinen Rücken gestiegen war. Der Name dieser jungen Frau lautet Europa, nach ihr ist unser Kontinent benannt. Heute ist der Libanon eine fragile Utopie unter der ständigen Bedrohung einer Invasion oder eines Zusammenbruchs, eines weiteren Bürgerkriegs. Kulturell ist er eng mit Frankreich verbunden, dem er seine 1943 erlangte Unabhängigkeit verdankt. Auch viel früher schon, während der Kreuzzüge und in den Kreuzfahrerstaaten, spielte Frankreich eine Rolle als Beschützer der Heiligen Stätten und der Orientchristen. Gleichwohl die Amtssprache Arabisch ist, derer sich bedeutende Schriftsteller und Intellektuelle wie Elias Khoury bedienen, bleibt die französische Kultur sehr präsent. Davon zeugen nicht zuletzt die Dichtungen von Georges Schehadé und Etel Adnan, das vielgestaltige Werk von Wajdi Mouawad, die Bücher von Amin Maalouf, die künstlerischen Laufbahnen von Chafik Abboud und Huguette Caland, oder auch des Komponisten und Malers Zad Moultaka, der zwischen Beirut und Paris lebt, und dessen neue Oper Haimon anlässlich unseres Festivals uraufgeführt wird. ARSMONDO lädt Sie ein, im Frühjahr 2021 diese antiken, modernen und zeitgenössischen Gesichter des Libanons zu entdecken. Ein Libanon, dessen Jugend 2019 und 2020 gezeigt hat, zu welchem Einsatz sie bereit ist, um dem Land eine ambitionierte Zukunft zu ermöglichen.